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Die Gesichter

Das Künstlerego als Zerstörer der Familie

Von Cordelia Albert

Der Künstler als Mittelpunkt seines Universums: Wie weit darf er gehen in seiner Egomanie? Kann er sein Werk vor das Leben seiner Mitmenschen stellen? Sollte er vielleicht besser auf Familie verzichten? Diese Fragen wirft der britisch-kanadische Journalist und Schriftsteller Tom Rachman in seinem neuen Buch „Die Gesichter“ auf.

Rachman erzählt die Geschichte von Charles Bavinsky, Sohn eines sehr erfolgreichen amerikanischen Malers. Der Leser lernt Charles, genannt „Pinch“, als kleinen Jungen kennen. Er lebt im Rom der 50er-Jahre mit dem berühmten Vater Bear Bavinsky und der kreativ als Töpferin arbeitenden Mutter ein unbeschwertes Boheme-Leben. Doch der Schein der glücklichen Familie trügt: Der Vater hat in Amerika eine andere Familie, die er kurzerhand für Pinch und seine Mutter verlassen hat, genauso, wie er wenig später diese beiden verlässt, um zur nächsten Frau zu ziehen und die nächsten Kinder zu bekommen. Während seine Mutter daran verzweifelt, mit psychischen und finanziellen Problemen kämpft und in eine künstlerische Krise rutscht, fühlt sich Pinch weiter vom alles überstrahlenden Vater angezogen. Ohne jemals dessen Tun zu hinterfragen, verehrt er den Malervater wie eine Sonne, um die sich alles dreht – doch im Universum ist nur für eine Sonne Platz. Und so spricht ihm der Vater, als Pinch selbst zu malen anfängt, wieder besseren Wissens jedes Talent ab. Mit schlimmen Folgen für den Sohn, der keinen Platz im Leben findet, Länder, Jobs und Beziehungen wechselt und in jeder Hinsicht weit hinter seinen Möglichkeiten bleibt. Bis es am Ende, nach dem Tod des Bears darum geht, dessen künstlerisches Vermächtnis zu retten. Hier entfaltet der Sohn sein Können und seine unglaubliche Idee wird von den beiden besten Freunden nach Pinchs Tod mit einer faszinierenden Aktion fortgeführt – eine späte Wiedergutmachung.

Tom Rachmans Roman hat viele Facetten: Einerseits geht es um den Kulturbetrieb, den Irrsinn seiner Geschäfte, den Hype um die Künstler. Daneben wird die Frage des Status als „Genie“ aufgeworfen, welche Verantwortung hat es gegenüber seiner Kreativität, aber auch gegenüber seinen Mitmenschen, seiner Familie. Fassungslos erlebt der Leser den egozentrischen Charakter von Bear, der für seinen Erfolg die gesamte Familie rücksichtslos opfert, und ist betroffen und nachdenklich über die Chancenlosigkeit von Pinch. Bereits Rachmans erster Roman „Die Unperfekten“, der im Zeitungs-Milieu spielt, wurde ein international gefeierter Bestseller. An diesen Erfolg kann er mit „Die Gesichter“ problemlos anknüpfen.    

22. Oktober 2018

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